Vorgeschmack auf die Hölle - Inobhutnahme vs. zwangsweises Einbehalten

Im Sommer 2016 nahm mir das Jugendamt mein Kind weg! Zwei Wochen ging ich durch die Hölle, bis ich mein Kinder wieder in die Arme schließen konnte.

 

Erstmal, was davor geschah:

Für Fiona wurde uns vom Jugendamt angeraten, sie besser in eine Wohngruppe zu geben, weil sie da individueller betreut werde und man dort gezielt auf ihre Problematik eingehen könne, als im bisherigen Internat.

Deshalb wurde ein Antrag auf eine Wohngruppenunterbringung für Fiona gestellt. Da wir kurz vor den Sommerferien 2016 standen und es bekannt war, dass Fiona große Probleme im Umgang mit Veränderung habe, wurde mit dem Jugendamt besprochen, sie gleich nach den Ferien in einer Wohngruppe unterzubringen, damit es für das Kind nahtlos weiterginge nach den Sommerferien.

Fiona wurde mit unserem Einverständnis vom Jugendamt noch vor Sommerferienbeginn von Internat und der dortigen Schule abgemeldet.

 

Was zwischen der Abmeldung und dem unten beschriebenen "Super Gau" passierte, wird bald unter "Eine geeignete Wohngruppe wurde nicht gefunden – und von welcher Eignung sprechen wir überhaupt?" zu lesen sein.

 

Nun trat also Plan C in Erfüllung. Eine Wohngruppe wurde nicht gefunden.

Wir sollten unser Kind deshalb in einer normalen Grundschule anmelden. Für die Familie und auch für Fiona war klar, dass sie nicht in dieselbe Schule gehen könne, wie ihr Bruder Max. Die Geschwister würden sich ständig auf dem Pausenhof suchen, um dann, wegen der nachgewiesenen enormen Geschwisterrivalität, in Streitereien zu verfallen. Sie würden sich selbst total im Wege stehen, neue Kontakte zu knüpfen und andere Kinder würden sie meiden.

 

 Zunächst wurde das Anmelden der Mutter, also mir alleine überlassen. Dabei erfuhr ich vier Tage vor Schulbeginn, am Montag 1.8., dass ich Fiona nicht so einfach in einer anderen Schule anmelden könne. Das Kind sei für die ortsansässige Schule registriert; daher müsse beantragen werden, das Kind freizustellen.

 

Da es in der Vergangenheit mit Max viele Schwierigkeiten an genau dieser Schule gab, war es mir äußerst unangenehm, dort schon gleich zu Schuljahresbeginn erneut mit Problemen und Änderungen anzukommen. Ich bat deshalb die in der Familie eingesetzte Familientherapeutische Praxis, mich bei dem Prozedere zu unterstützen, Gespräche zu führen. Fr. K. meinte sodann, sie hätte bereits mit der örtlichen Grundschule gesprochen und ich solle Fiona nun dort anmelden und um eine Freistellung bitten. Mit allem Mut, die Pein zu überwinden, rief ich in der örtlichen Grundschule an, um dort von der neuen Schulleiterin zu erfahren, dass sie Fiona erstmal nicht freigeben würden. Sie wolle zuerst mit der Familientherapeutischen Praxis und dem Jugendamt sprechen. (Wie viel Gewicht hat also das Wort der Eltern???)

 

Jeder Tag in dieser Ungewissheit, der verging  – trieb mein Kind noch mehr in Rage. Mit Fiona war nichts mehr anzufangen, jegliche Versuche, sie abzulenken scheiterten. Sie weinte sehr viel, konnte nicht mehr schlafen, so dass ich ihr mit natürlichem Baldrian und Hopfen zu mehr Ruhe verhalf. Sie rastete mehrmals täglich aus, schrie sehr viel, knallte die Türen, stampfte, trampelte, etc.

 

Donnerstag, 4.8.2016 – Max durfte zur Schule. Er hat sich gefreut, wurde jetzt Drittklässler. Fiona war außer sich. Kaum dass Max weg war, tobte sie. Sie schrie, machte sich selbst fertig, sie sei ja so blöd. Sie dürfe mal wieder nirgends zur Schule, …. Sie tat uns so sehr leid – leider konnte ich ihr nicht helfen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, knurrte – letztlich rief ich beim Arzt an, weil ich ihr was sedierendes geben wollte. Nirgendwo aber bekam ich schnell einen Termin, überall wurde ich auf viele Tage Wartezeit vertröstet. Ich könne ja in die Notaufnahme der Kinder- und Jugendpsychiatrie (1 Std. Autofahrt) , wenn es so schlimm sei, wurde mir gesagt. Letztlich gab ich Fiona ein Methylphenidat, das wir noch von früher hatten, das das Kind nur sehr widerwillig genommen hat, weil wir die Auswirkungen nur zu gut kannten. (Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, das Kind sitzt nur apathisch auf dem Sofa, redet nix und der Rebound ist noch schlimmer als die Verhaltensstörung davor.)

 

Ebenfalls am 4.8. sprach die Frau der Familientherapeutischen Praxis mit der hiesigen Schulleiterin, konnte ihr die Beweggründe schlüssig machen, weshalb Fiona und Max nicht in dieselbe Schule können. Allerdings wollte die Schulleiterin dann die Mutter doch noch selbst kennen lernen, um danach ihr O.k. für die Freistellung zu geben. Dieses Gespräch fand erst am nächsten Tag, also am 5.8. statt. – Fiona durfte auch an diesem Tag noch nirgends zur Schule, das Kind war fix und fertig.

 

Fionas Stresslevel war mehr als weit überschritten. Auch die Nachricht, dass sie ab Montag im Nachbarort zur Schule dürfe, konnte sie nicht beruhigen. Im Gegenteil, jetzt begann sie mit enormem Eifer, sich um ihre Schulsachen zu kümmern. Alles hatte nur noch mit Schule zu tun. Selbst, welche Kleider sie anzieht, zerbrach sie sich den Kopf, um wegen ihrer kurzen Haare als Mädchen erkannt zu werden.

 

Am Samstag, bevor Fiona zur Schule durfte, waren auch wir anderen Familienmitglieder schon völlig hip und durch den Wind, wegen der ständigen und anhaltenden Ausbrüche des Kindes. Letztlich ging es soweit, dass Fiona mich zu schlagen begann. Sie trat und schlug nach mir, sobald ich mich abwendete. Irgendwann schrie sie, dass ihr fast die Halsschlagader platzte und sie bat mich, jemanden anzurufen, der sie abholt. Sie wolle weg hier. Sie wolle nicht mehr hier zu Hause sein … - vermutlich aber mehr ein "weg aus dieser heftigen Situation".

 

Ich brachte Fiona das Telefon, damit sie selbst jemanden anrief. Ich wählte die Nummer der Polizei, Fiona rannte schreiend ins Freie – ich hatte riesen Angst um mein Kind – und schneller als man unter diesen Umständen denken konnte, war die Polizei am Telefon und ich begann zu reden …

Inobhutnahme

 

An diesem Samstagnachmittag wurde mein Kind von einer Frau des Jugendamtes abgeholt. Das Gespräch beim Abholen wurden mit Johannes geführt, weil ich selbst durch den Stress der vergangenen Tage und die plötzlich eintretende Situation der Inobhutnahme so sehr am Boden war, dass es mir nicht gelang, mich ruhig mit der Amtsperson zu unterhalten.

 

Wo mein Kind hingebracht wurde, das wurde uns nicht gesagt. Uns wurde nicht gesagt wohin, nicht wie lange gar nichts. Laut Gesetzestext hätte Fiona sofort und unverzüglich mit einer Person ihres Vertrauens sprechen dürfen. Das durfte sie nicht!

Ebenso unverzüglich hätte Fionas Papa in Baden-Württemberg vom Jugendamt über die Inobhutnahme informiert werden müssen. Das wurde er nicht!

Ein Gespräch der Amtsfrau mit Fiona ergab deutlich, dass das Mädchen riesen Heimweh hatte und nach Hause wollte. Das durfte sie nicht!

Wir Eltern haben sofort am Montagmorgen bei der Behörde gegen die Inobhutnahme widersprochen – doch sie haben Fiona einbehalten. Ich durfte erstmal nicht mit ihr sprechen! Das Amt begründete das Einbehalten damit, dass man nicht wisse, welche Gefahr von der Mutter ausginge!!!

 

Mein Gott – ich, die ich seit Jahren renne, alle Hebel in Bewegung setze, um meinen Kindern zu helfen. Unterstützung zu bekommen, damit es allen gut geht. Ich, die ich mich freiwillig beim Jugendamt melde, um zu sagen, dass wir Unterstützung brauchen, weil es nicht so läuft, wie es soll. Aber eines ist ganz sicher - ich habe und ich werde meinem Kind sicher nichts antun. Auch sonst wird niemand das Kind anrühren.

 

Es gab keinerlei gewalttätige Übergriffe, die eine zwangsweise Inobhutnahme bzw. ein Einbehalten durch das Jugendamt veranlassen oder rechtfertigen.

 

Fiona bekam keine Erlaubnis mit Mutter oder Vater zu telefonieren – das Kind, als auch die Eltern werden wie Verbrecher behandelt, die voneinander weggesperrt werden.

 

Zwei Tage später hatte ich Geburtstag, ich verlangte die Herausgabe meines Kindes. Die Antwort darauf war "Ich muss mal sehen, ob Sie ihr Kind vielleicht im Amt treffen können, unter Aufsicht".

 

Die Inobhutnahme war von mir nicht gewollt. Es war eine absolute Affekthandlung, weil das Kind danach geschrien und verlangt hat und alle nervlich total am Ende waren. Dadurch aber, dass das Kind mitgenommen wurde, wurde bei Fiona der "Super Gau" gebrochen, d.h. die familiäre Situation hätte sich erstmal wieder beruhigt. Es hätte keinerlei Notwendigkeit bestanden, das Kind länger in der Pflegefamilie zu belassen.

 

 

 

 

 

§ 42 SGB VIII Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen

(1) Das Jugendamt ist berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn

 

1. das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet oder

2. eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert  und

a) die Personensorgeberechtigten nicht widersprechen oder

            b) eine familiengerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann oder

 

3. ein ausländisches Kind oder ein ausländischer Jugendlicher unbegleitet nach Deutschland kommt und sich weder Personensorge- noch Erziehungsberechtigte im Inland aufhalten.

 

Die Inobhutnahme umfasst die Befugnis, ein Kind oder einen Jugendlichen bei einer geeigneten Person, in einer geeigneten Einrichtung oder in einer sonstigen Wohnform vorläufig unterzubringen; im Fall von Satz 1 Nummer 2 auch ein Kind oder einen Jugendlichen von einer anderen Person wegzunehmen.

 

(2) Das Jugendamt hat während der Inobhutnahme die Situation, die zur Inobhutnahme geführt hat, zusammen mit dem Kind oder dem Jugendlichen zu klären und Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung aufzuzeigen. Dem Kind oder dem Jugendlichen ist unverzüglich Gelegenheit zu geben, eine Person seines Vertrauens zu benachrichtigen. Das Jugendamt hat während der Inobhutnahme für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen zu sorgen und dabei den notwendigen Unterhalt und die Krankenhilfe sicherzustellen; § 39 Absatz 4 Satz 2 gilt entsprechend. Das Jugendamt ist während der Inobhutnahme berechtigt, alle Rechtshandlungen vorzunehmen, die zum Wohl des Kindes oder Jugendlichen notwendig sind; der mutmaßliche Wille der Personensorge- oder der Erziehungsberechtigten ist dabei angemessen zu berücksichtigen.

 

Im Fall des Absatzes 1 Satz 1 Nummer 3 gehört zu den Rechtshandlungen nach Satz 4, zu denen das Jugendamt verpflichtet ist, insbesondere die unverzügliche Stellung eines Asylantrags für das Kind oder den Jugendlichen in Fällen, in denen Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass das Kind oder der Jugendliche internationalen Schutz im Sinne des § 1 Absatz 1 Nummer 2 des Asylgesetzes benötigt; dabei ist das Kind oder der Jugendliche zu beteiligen.

 

(3) Das Jugendamt hat im Fall des Absatzes 1 Satz 1 Nummer 1 und 2 die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten unverzüglich von der Inobhutnahme zu unterrichten und mit ihnen das Gefährdungsrisiko abzuschätzen. Widersprechen die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten der Inobhutnahme, so hat das Jugendamt unverzüglich

 

1. das Kind oder den Jugendlichen den Personensorge- oder Erziehungsberechtigten zu übergeben, sofern nach der Einschätzung des Jugendamts eine Gefährdung des Kindeswohls nicht besteht oder die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten bereit und in der Lage sind, die Gefährdung abzuwenden oder

 

2. eine Entscheidung des Familiengerichts über die erforderlichen Maßnahmen zum Wohl des Kindes oder des Jugendlichen herbeizuführen.

 

Sind die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten nicht erreichbar, so gilt Satz 2 Nummer 2 entsprechend. Im Fall des Absatzes 1 Satz 1 Nummer 3 ist unverzüglich die Bestellung eines Vormunds oder Pflegers zu veranlassen. Widersprechen die Personensorgeberechtigten der Inobhutnahme nicht, so ist unverzüglich ein Hilfeplanverfahren zur Gewährung einer Hilfe einzuleiten.

(4) Die Inobhutnahme endet mit

1.der Übergabe des Kindes oder Jugendlichen an die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten,

 

2.der Entscheidung über die Gewährung von Hilfen nach dem Sozialgesetzbuch.


An anderer Stelle wurde bereits beschrieben, wie (überlebens)wichtig für Fiona Geburtstage und solche Termine und Ereignisse sind. Seit jenem Samstagnachmittag gab es keinen Kontakt zu ihr.

Das arme Kind allerdings auf diese Art und Weise (zwangsweise Inobhutnahme) von der Mutter zu trennen, war der absolut falsche Weg! Gerade dann, in dieser schweren Situation hätte Fiona die Mutter und die Geborgenheit des Elternhauses ganz stark gebraucht! Sie – wir alle waren total geflasht.

 

Ich hätte an diesem Tag besser zu einem Arzt gehen sollen mit ihr, der ihr sedierende Medikamente gegeben hätte, damit sie sich etwas beruhigen kann. Dann wäre sie Montags ganz regulär von mir zur Schule gebracht worden und alles hätte sich wieder normalisiert.

 

Insgesamt zwei Wochen haben die mein Kind einbehalten! Morgens wurde sie von einem Taxi 18 km zur Schule gebracht. Schulmaterial lag ihr nach einer Woche noch immer nicht vollständig vor, obwohl ich alles zu Hause gehabt hatte. Eine Schande ist das, was das Amt "Wohl des Kindes" nennt!

 

Fiona durfte ab und zu ganz kurz zu Hause anrufen, doch es stand immer jemand hinter ihr, sodass sie nicht mal frei sprechen oder sich ausweinen konnte. Sie hatte so starkes Heimweh. Besuchen durfte ich sie zweimal nur unter Aufsicht einer Amtsperson und nur für 1 Stunde!

 

Wir Erwachsenen, das heißt Johannes und ich, Fionas Papa wir waren täglich damit befasst, das Amt zu überzeugen, dass es einen riesen Fehler macht. Dass es Fiona um Jahre zurückwirft und ihre Ängste und ihr ganzes Verhalten nur noch schlimmer macht, in dem sie das Kind gegen aller Willen einbehält.

 

Dass die Umstände in dieser geballten Heftigkeit auftraten, ist mehr oder weniger als Ergebnis des Vorgehens des Jugendamtes zu sehen. Die Inobhutnahme war eine reaktive Affekthandlung und fand auf Wunsch des Kindes statt.  Aussagen der Mutter in dieser heftigen nervlichen Belastungssituation hätten vom Amt nicht überbewertet werden.

Besser wäre es gewesen, das Kind am Samstag in die Notaufnahme zu bringen, wo es medikamentös behandelt worden wäre.

 

Die ganze psychische Situation, in die meine Familie seit Januar 2016 durch die Antragstellung beim Jugendamt und deren Entwicklung geraten war, überstieg ein Normales bei weitem.

 

Ich war/bin in der Tat sehr sensibel, verfüge jedoch über ein enormes Paket an Resilienz, das mich jedes Mal schnell wieder aufstehen lässt. Für meine Kinder tue ich alles in meiner Macht Stehende und vorher ruhe ich nicht!

  

 

Erst nach zwei Wochen wurde mir mein Kind von der damaligen Sachbearbeiterin wieder nach Hause gebracht. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0