Was stimmt denn nicht mit dem Kind?

… weil wir eben nicht um die Gründe wussten, weshalb sich Fiona so verhielt, begann ein Ärzte- und Therapeutenmarathon. Zunächst wurden uns Leute geschickt, die eine Videoanalyse mit der gesamten Familie durchführten. Sie haben uns gefilmt und hinterher mit uns darüber gesprochen. Dann wurde uns eine Sozialpädagogische Familienhilfe geschickt. Diese wird eingesetzt, um mir pädagogische Tipps im Umgang mit den Kindern zu geben. Relativ schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Sozialpädagogin mir als Erzieherin keine praktischen Tipps geben konnte. Ein Satz ist mir noch so deutlich im Ohr. Sie sagte wörtlich zu mir: "Ich komme in Familien, da muss ich den Eltern sagen, ´jetzt solltest du deinem Kind mal die Windel wechseln´ oder ´jetzt wäre es an der Zeit, dass du deinem Kind was zu essen gibst´. Anja, du weißt ganz genau was du mit deinen Kindern tun musst, dir brauche ich keine Tipps geben. Dir muss ich nur sagen, mach mal weniger!" Diese Frau war dennoch zwei Jahre lang in unserer Familie eingesetzt. Sie hat mir zugehört, sie hat mit mir überlegt, was denn schief läuft, sie hat mich unterstützt, mir die Kinder kurzzeitig abgenommen, so dass ich zur Psychotherapie konnte. Die Kinder haben sie geliebt – und auch ich habe sie sehr lieb gewonnen. An dieser Stelle eine dicke Umarmung an unsere "Iti" - wie sie die Kinder immer genannt haben.

Ihr habe ich mich anvertraut – aber leider hat auch sie nie mitbekommen, wenn meine Fiona ausgerastet ist. Ist ja auch klar, wenn "Iti" da war, bekam Fiona auch volle Aufmerksamkeit. Sobald die Frau aber gegangen war, hat mein Kind begonnen zu schreien. Sie wollte immer alles und vor allem immer SOFORT.

 

Als diese Maßnahme beendet wurde, hatte ich zwei Jahre Psychotherapie hinter mir. Frei nach dem Motto "Wenn es der Mutter gut geht, geht es auch den Kindern gut"! Als Fiona drei Jahre alt war, ereignete sich eine, zwar kurze und auch saudoofe Situation, aber eine, die mich absolut wachgerüttelt hat: Fiona kam aus dem Kindergarten nach Hause, ihr Papa war auch am Esstisch und wir Eltern haben uns über irgendetwas "gezofft" (es war kein richtiger Streit). Fiona wollte etwas und schneller als ich bei ihr sein konnte, schrie sie ganz schrill und laut auf. Im gleichen Moment gab ich ihr eine Ohrfeige, weil ich direkt daneben stand und dieser Schrei wieder genau meinen Nerv traf. Mein Mann sah mich erschrocken an und meinte nur "Tickst du noch ganz recht?!" – Ich war selbst so schockiert, schnappte meine Tasche und Jacke und fuhr mit dem Auto weg. Damals gab es eine Ärztin, ca. 1,5 Autostunden von uns entfernt; diese bekam Jahre vorher eine Ordnungsstrafe, weil sie wohl Ritalin wie Smarties ausgegeben hat. Diese Ärztin kam mir in den Sinn und ich fuhr dorthin. Wenn mir niemand helfen konnte, so sicher diese Frau, dachte ich mir. Und – ich bekam Amphetaminsulfat von ihr – und dadurch eine Schrecksekunde Zeit, in der ich in akuten Situationen kurz nachdenken konnte, wie ich reagieren muss. So begann mein persönlicher Lern-Weg. Mit damals 33 Jahren klärte sich plötzlich, weshalb so Vieles schief ging.

 

Meine Fiona durfte für ca. ein dreiviertel Jahr in ein Frühförderzentrum. Dort wurden erste Tests mit ihr gemacht; sie sei sehr sensibel und sehr intelligent, hätte einen enormen Wortschatz und begreift Zusammenhänge sehr schnell. Im Frühförderzentrum durfte sie einmal in der Woche in eine Spielgruppe mit anderen "auffälligen" Kindern. Dort hat es ihr sehr gefallen, wieder mal stand sie ja auch dort im Mittelpunkt. Leider hörte diese Maßnahme mit Eintritt in die Schule auf. 

 

Nach den ersten drei Wochen in der Schule, hatte mein liebes Mädchen ihren Bleistift fast "aufgegessen", es war letztlich nur noch ein kleiner, abgenagter Stummel über. Das war auch für mich ein ganz klares Signal – das Kind braucht dringend HILFE. Erste Hilfe holten wir uns dann beim Kinderarzt, der ebenfalls Fionas große Unruhe sah. Sie bekam zum ersten Mal Medis – also Medikamente (hier: Medikinet).  Natürlich ist es aber mit einer Pille alleine nicht getan, das wussten wir auch.

 

Beim ersten Kinder- und Jugendpsychologen war es lustig. Der war selbst ein total gestörter Typ – nicht alt, aber durchgeknallt – wie ein verrückter Professor. Er behauptete auch von sich selbst, Tabletten zu schlucken, sonst würde er nicht durch den Tag kommen. Deshalb war klar, dass er Fiona und mich ebenfalls gleich mit ADHS diagnostizierte. Sogar meinen Sohn, (der nicht mal beim Termin dabei war), belegte er mittels Ferndiagnose mit ADHS. Nun gut, immerhin war die medizinische Versorgung gesichert; aber zu diesem Typen sind wir nicht weiter gegangen. Der war mir, ehrlich gesagt, eine Spur zu heftig drauf!

 

Danach waren wir in zwei verschiedenen SPZ (Sozial-Pädiatrisches-Zentrum). Die ersten haben nur die "hyperkinetische Störung" bestätigt und empfohlen zur Ergotherapie zu gehen. Dort waren wir genau ein 6er-Rezept lang. Klar, Fiona hatte das alles toll gefunden, doch wir fragten uns, was damit verbessert werden sollte? Die Konzentrationsfähigkeit sollte letztlich zu Hause trainiert werden.

 

In der Schule wurde Fiona stets gelobt. Sie sei sehr lieb und würde immer anstandslos alle Regeln einhalten. Dass die Hausaufgaben zu Hause nicht funktionierten, könne die Lehrerin gar nicht verstehen, in der Schule sei alles in Ordnung. Dabei hatte mein Kind die größten Schwierigkeiten mit dem Schreiben. Dabei war wohl der Druck, den sich mein Kind selbst machte, das größte Problem. Sie wollte immer alles genauso haben, wie die anderen Kinder. Auch im Sport zeigte sich, dass Fiona vieles nicht so hin bekam, wie die anderen. Trotz unseres guten Zuredens, war es jedes Mal ein Kampf, sie zum Turnverein zu bringen. Wenn eine Vorführung, z.B. das Nikolausturnen anstand, drehte Fiona oft schon wochenlang vorher ab. Sie schrie, weigerte sich zum Turnen zu gehen, wollte aber doch hin; war hin- und hergerissen. Kam dann die Vorführung, waren ihre Launen so heftig, dass wir meist kurz vor knapp alles hinwarfen und das Kind nicht teilnahm.

 

Im zweiten SPZ haben sie dann einen IQ Test gemacht. Es könnte ja auch sein, dass das Kind unter- oder überfordert sei und deshalb unkontrolliert reagiere. Mein Sohn war bei diesem ersten Termin auch dabei und beide Kinder zusammen haben sich genau so verhalten, wie sie das bei mir auch meist machten: PEINLICH, ungestüm: Fiona und Max interessierten sich weder dafür was ich noch der Arzt von ihnen wollte; sie lachten ständig miteinander, fanden alles witzig; sie kletterten überall hoch, fassten alles an, fielen dem Arzt ständig ins Wort. Ich konnte mich auf gar nichts konzentrieren. Deshalb legte der Arzt für Max auch gleich eine  Akte an und ordnete Tests an.

 

Insgesamt erreichte Fiona zu der Zeit ca. 115 IQ-Punkte. So ein Test besteht aus mehreren Testungen aus verschiedenen kognitiven und sensomotorischen Bereichen. Sehr interessant dabei war, dass mein Kind in der Arbeitsgeschwindigkeit allein 134 IQ-Punkte erzielte. Dies erklärt auch, weshalb Fiona meist schon eine Antwort rausplappert, bevor jemand die Frage zu Ende gestellt hat; oder auch, weshalb sie so karikativ malte (also zack-zack- fertig). Eine Autismustestung wurde nicht durchgeführt. So wurde die Diagnose "hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens" bestätigt und auf Grund meiner ausführlichen Berichte bekamen wir noch eine "reaktive Bindungsstörung" und eine "veränderte/abweichende Familiensituation mit psychischer Beeinträchtigung von mindestens 1 Elternteil" aufs Auge gedrückt!

 

 Fiona durfte einmal die Woche zur Musiktherapie in der Gruppe gehen. Individuelles Arbeiten war dort nicht vorgesehen. Max wurde in eine psychomotorische Gruppe gepackt. Zunächst hatten beide Kinder noch mäßigen Spaß in ihren Gruppen, doch schon bald war ihnen das zu langweilig und es war jedes Mal aufs Neue eine Tortur, die Kinder zum Gehen zu motivieren. So kam es, dass wir in Absprache mit den Therapeuten, die Termine erstmal ruhen ließen. 


Anfang 2014 war es dann endlich soweit – wir rutschten auf der Warteliste nach oben und durften zum vollstationären Klinikaufenthalt auf die Eltern-Kind-Station in der St. Lukasklinik, Liebenau (diese benenne ich hier direkt so, weil die damals ein absolut versteckter Geheimtipp war, den ich nur über viel Suchen herausgefunden habe und diese Klinik einfach nur perfekt !!! ist).

 

Vier Wochen Psychohölle – es waren insgesamt 5 Mütter mit ihren insgesamt 7 Kindern auf Station. Wohlgemerkt kommen dort tatsächlich nur Eltern hin, deren Kinder ungeklärte Auffälligkeiten zeigen, die nirgendwo anders klar erkannt wurden. Man kann sich also vorstellen, wie das ist Tag und Nacht nicht nur mit dem eigenen Kind nicht klar zu kommen, sondern plötzlich noch viele andere "gestörte" Kinder mit ihren "kaputten" Müttern um sich zu haben. Da Max auch immer mehr Auffälligkeiten zeigte, war er ebenfalls als Therapiekind dabei.

 

Ich versuche mal auszudrücken, was denn die Hauptschwierigkeiten meiner Tochter waren: Fiona verlangte immer nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung, Abwarten ein Fremdwort für sie. Wenn sie etwas nicht sofort bekam oder durfte, schrie sie rum, schrill, laut –        zunehmend mit den Worten "Ich darf das, wenn ich das will!" – Des Weiteren nahmen/veränderten sich ihre "Ängste" z.B. Staubsauger; Luftabzug-Gebläse in öffentlichen Räumen vorwiegend Toiletten. Insgesamt, der Gang zu öffentlichen/fremden Toiletten wurde zunehmend dramatischer. Immer musste ich mit. Dabei spielte keine Rolle, ob es beim Arzt, bei neuen Bekannten im Privathaus oder bei der Großveranstaltung war. Zunehmend schlimmer wurden ihre Unsicherheiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. "Kommt der Zug auch rechtzeitig, und wenn nicht – weißt du, wo wir raus müssen …" Große Menschenmassen, sei es im Kaufhaus oder im Fasching. Auf der einen Seite mochte sie gerne dorthin, auf der anderen Seite aber war sie davor oft schon so hipp, dass wir diese Vorhaben abbrechen mussten. Alle Termine musste sie lange im Voraus wissen, fragte danach, war wochenlang vorher schon aufgeregt wegen jedermanns Geburtstag, den Feiertagen oder sonstigen Terminen. In der Schule klappte alles prima, aber zu Hause begann sie dann rumzuschreien. Ferien gingen gerade mal 1 – 2 Wochen, dann wollte Fiona wieder zur Schule. Hausaufgaben mit Mama, ein rotes Tuch, Streit schon vorprogrammiert: – "du weißt das nicht, das geht anders, du kannst das nicht – die Lehrerin hat das anders gesagt" Seit der 2. Klasse geht sie deshalb in die HA-Betreuung und macht ihr Ding allein. Bis heute!

 

Immer zu Hause ließ sie ihren Frust raus. Meistens für mich nicht verständlich warum sie überhaupt schreit und tobt. Natürlich hält das täglich und auf Dauer niemand aus. Ich begann selbst, homöopathische Beruhigungstabletten zu nehmen. Pädagogisch mache ich das meiste richtig und Psychotherapie hatte ich schon zwei hinter mir. 

 

Aus der Klinik wurden wir entlassen mit den wiederum bestätigten Diagnosen: Hyperkinetische Störung, Bindungsstörung, (psychische Beeinträchtigung von mind. einem Elternteil = gestörte Mutter!), etc. Bei der Autismustestung wurde nur der erste Teil getestet. Weil dieser wohl aber schon sehr von Richtung Autismus abwich, wurde er nicht zu Ende gemacht. Empfohlen wurde uns eine Familientherapie, die Mutter solle nochmal eine Psychotherapie und Fiona eine Verhaltenstherapie machen. Über das SPZ gäbe es eine Gruppe in der soziale Kompetenzen eingeübt würden. Vorwiegend für die Ferienzeiten, in denen das Kind gänzlich abdreht, wurde dringend eine SPFH (Sozialpädagogische Familienhilfe) angeraten. Diese ist beim Jugendamt zu beantragen. Längerfristig – wenn sich keine Entspannung innerhalb der Familie einstelle – solle das Kind außer Haus betreut werden. Das heißt, wenn wir die Sache nicht bald in den Griff bekämen, sollte mein Kind wo anders wohnen, um Ruhe in die Familie zu bringen. Es wurde uns ein Haus im Schwarzwald speziell für ADHS-Kinder empfohlen.

 

Bei Max wurde uns ansatzweise ein abweichendes Sozialverhalten, wohl aber eine ausgeprägte Geschwisterrivalität diagnostiziert. (Die Testungen ergaben, dass er sehr unter der lauten, unruhigen Situation mit seiner Schwester leidet und sie sich sogar tot gewünscht hat!). Sein "merkwürdiges Verhalten", das ab und zu auftaucht, solle man abwarten und später wieder kommen.

 

Fiona hasste die Soziale Kompetenzgruppe und weigerte sich, dorthin zu gehen, es sei alles blöd, sie habe keine Lust.  In der Folge begab ich mich mit den Kindern in eine Kinder- und Jugendpsychologische Praxis. Dort hatte zunächst Fiona, später dann auch Max Einzeltermine. Obwohl ich mehrmals nachfragte, wurde ich nie in die Termine miteinbezogen. Zweimal durften die Kinder zusammen zum Termin. Letztlich aber klagten beide Kinder, dass man dort ja nur spiele und dauernd nur über Gefühle spreche. Als ich nach einem dreiviertel Jahr bedauerte, dass ich gar nicht bei Terminen dabei sein durfte, meinte die Psychologin, das hätte ich sagen müssen – (dabei steht das in den Berichten doch klar und deutlich drin FAMILIENTHERAPIE – und das habe ich auch gesagt). Nun gut – im Frühsommer 2015 war das Ganze ohnehin erledigt, weil wir umzogen.

 

Am Verhalten der Kinder hat sich leider nach all dieser Rennerei noch nicht wirklich was verändert. Kurzzeitig zeigte sich bei Fiona mal eine Besserung. Doch letztlich wurde das Verhalten beider Kinder kontinuierlich eher schlimmer – vor allem die Feriensituation bei meiner Tochter wurde von Ferien zu Ferien dramatischer. Schon Wochen vorher schrie sie rum, alles war ihr nicht recht, keiner wusste, was eigentlich los war oder weshalb sie alles und jeden niederschrie. Bis ich irgendwann kapierte, dass ja bald Ferien kommen… dann auch noch 6 Wochen Sommerferien – PANIK – was soll ich so lange mit einem rebellierenden Kind tun?

 

 

Und noch eines wurde uns zunehmend klarer – ein ADHS-Kind muss nicht täglich schreien und ausrasten und macht sich auch keine Gedanken über sein Fehlverhalten. Meine Tochter aber litt unter ihren Ausrastern, bedauerte, wenn sie mich verbal verletzte oder mitunter auch ihre Sachen kaputt machte dabei. Schon seit ihrem 6. Lebensjahr mischten sich in ihr Geschrei immer wieder die Worte "ich will ich weg, ich gehöre hier nicht hin, … ich bin falsch in dieser Welt"!


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