29-11-2017 Du bist gut so wie du bist

Meine Tochter, mein erstes Kind ist ein prima Mädchen! Dies steht über allem. Ich liebe Fiona so wie sie ist - leider verlangt die Gesellschaft was anderes von uns!

Bereits im Babyalter merkten wir Eltern, dass irgendwas nicht so ist, wie es soll.  Unser Kind verlangte sehr viel Aufmerksamkeit, weinte, schrie, sobald es nicht im Mittelpunkt stand. Allerdings ließ sich Fiona nicht durch zärtliches Streicheln oder in den Arm nehmen von uns beruhigen. Nein, sie wollte Bespielung, Action, Quatsch machen, dann war sie zufrieden. Das Kleinkind abends ins Bett zu bekommen, ließ uns monatelang verzweifeln - sie blieb nicht liegen, stand immer wieder auf.  Bereits als das Kind 18 Monate alt war, suchten wir zum ersten Mal Hilfe  beim Jugendamt. Damals war mein Sohn drei Monate alt und ich war kolossal mit der Mittelpunkt strebenden Tochter überfordert. Ich konnte mich nicht mal richtig um Max kümmern, weil Fiona immer "auch" wollte. Bekam sie etwas nicht, schrie sie los - und sie kann schreien, ordentlich!

 

Hätten wir damals schon gewusst, was wir heute wissen, so hätten wir Vieles anders machen können...

Heute haben wir zwar auch noch keine "saubere" Diagnose - doch wir wissen, dass Fiona sehr viel Asperger-Züge hat. Darüber habe ich sehr viel gelesen und deshalb erschließt sich mir mein Kind immer mehr: Ich finde es toll, dass Fiona sich so sehr an Regeln halten will. Vor allem in der Schule wird sie von Mitschülern gemieden, weil sie "anders" ist. Fiona möchte doch nur das tun, was die Lehrerin sagt; sie möchte die allgemeinen Regeln einhalten; möchte Ordnungen befolgen. Doch wer da draußen macht das schon? Auch in keinem Verein oder in der Jugendgruppe, hält sich irgendwer an Regeln oder Umgangsformen. Leider lebt die Gesellschaft eher nach den Ausnahmen als nach den Regeln und mein Kind wird ausgelacht oder verpöhnt, weil es das tut oder tun möchte.  Sie schluckt Tabletten, rennt zur "normalen" Therapie, letztlich aber muss sie dennoch täglich austicken. Nur hier zu Hause lässt sie ihren Frust heraus, den Druck, den ihr die Gesellschaft aufzwingt. Den Druck, den auch leider wir auf sie ausüben, weil von uns verlangt wird "ganz normal" zu leben. Es ist nicht erwünscht, dass ein Kind in der Öffentlichkeit plötzlich laut schreit, weil es was nicht sofort haben kann; oder dass ein so großes Kind Angst hat, alleine auf eine öffentliche Toilette zu gehen, nur weil es da ein Gebläse gibt. Ich sehe, wie sich mein Mädchen bemüht und krumm macht, nur um in diese scheiß NORM zu passen! 

 

Weil es zu Hause sehr schwierig war, haben wir Eltern uns dazu entschlossen, Fiona in eine Wohngruppe zu geben. Seit September 2017 ist unser Mädchen in einer tollen Einrichtung in Baden-Württemberg. Dort kann sie die Realschule besuchen, wohnt in einer Wohngruppe und ist im Bedarfsfall eng an die Kinder- und Jugendpsychiatrie angebunden.  Natürlich haben wir viele Jahre alles mögliche versucht, dass sie in der Familie bleiben kann. Durch den Umzug vor zwei Jahren sind wir allerdings wieder weit nach hinten gefallen und mussten in der neuen Heimat von vorn beginnen, Anträge zu stellen. An anderer Stelle werde ich näher über diese Umstände berichten.

Natürlich hätte ich mein Mädchen gerne näher bei mir gehabt, doch hier im Norden gab es keine vergleichbare Einrichtung, die Fiona das bietet, was sie jetzt eben hat.  So haben wir beschlossen, sie in der Nähe ihres Papas unterzubringen.

 

Zum Ende der Sommerferien haben wir Fiona also in ihr neues Domizil gebracht.  Jetzt wohnt Sie in einer Wohngruppe, hat ihr eigenes Zimmer, darf die Realschule besuchen und ist sehr oft bei ihrem Papa. Dies alles gibt ihr die so dringend benötigte Sicherheit.

Fiona hat eine "erhebliche Impulskontrollstörung" diagnostiziert und weist deutliche Asperger-Züge auf. Bei den Testungen war sie leider zweimal "knapp unter dem cutoff", das bedeutet sie hat nur 80 von 100% Asperger-Autismus. Bisher wurde aber von uns verlangt, einen ganz normalen Alltag zu leben - das geht aber auch nicht mit nur 80% Asperger.

 

Seit fast vier Monaten habe ich mein Kind nicht mehr gesehen. Natürlich war das am Anfang  sehr schwer. Überall hat sie uns gefehlt. Beim Essen, bei der Wäsche, beim Aufräumen, überall merkte ich, dass sie nicht da ist. Ja, und es wurde still bei uns. Dass wir Fiona so lange nicht gesehen haben, war meine Entscheidung. In Gesprächen mit Therapeuten und Sozialpädagogen habe ich beschlossen, dass es besser ist, wenn wir uns gleich zu Beginn für längere Zeit nicht sehen. So hat jeder für sich ausreichend Zeit sich an die neue Alltagssituation zu gewöhnen; sich einzufinden in den neuen Alltag. 

 

Jetzt nutzen wir den Advent, uns bewusst zu machen, wie wir uns wieder begegnen wollen.  Fiona "lernt" mit ihrer Erzieherin in der Gruppe Umgangsregeln und ich sensibilisiere meine Familie, auf was wir denn achten müssen im Umgang miteinander.  Das hört sich erstmal sicher blöd an, doch genau das ging ja schief in unserem bisherigen Alltag.

 

Bei all den kopflastigen Gedanken, wir freuen uns so sehr Fiona schon sehr bald wieder in die Arme zu nehmen, gemeinsam wird es dann Weihnachten ...   Wir Eltern, ich als Mutter, Fiona selbst und auch ihr Bruder brauchen noch viel Unterstützung, damit wir im Alltag mit uns aber auch in der Öffentlichkeit klar kommen. Es ist 10 Jahre lang sehr viel schief gelaufen. Aber jetzt sind wir auf einem sehr guten Weg - und ich liebe mein Mädchen SO wie sie ist. Sie ist wundervoll!

 

... weil wir eben nichts über die Gründe wussten, weshalb sich Fiona so verhielt, begann ein Ämter- und Ärztemarathon.  Lesen Sie hier mehr über darüber in den Zusammenhängen.

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